Kugelschreiber
Ich bin mit Karl unten im Kinderzimmer, meine Frau ist mit Martha oben. Alles ist ruhig, als ein markerschütternder Schrei die friedliche Stille jäh durchschneidet: „Maaarthaaa!“ – In der Befürchtung unsere Erstgeborene sei aus dem Fenster gefallen, fliege ich die Treppe hinauf – meine Frau steht wie gelähmt mit vor Schreck grausam entglittenen Gesichtszügen in unserem Schlafzimmer. Martha sitzt im Ehebett. Zumindest glaube ich, dass es das Ehebett war, aber ich hatte es optisch irgendwie ganz anders in Erinnerung. In der Hand hält Martha wie eine Trophäe einen schwarzen Kugelschreiber. Sie ist stolz wie Oskar: „Guck mal, das habe ich alles angemalt! Guck mal hier und hier und hier und hier…“ – Die Aufzählung dauerte recht lange, denn Sie hatte mit bemerkenswerter Präzision die Betthälfte meine Frau mit einem filigranen Muster aus schwarzen Kugelschreiberstrichen verziert. Kopfkissen, Bettdecke, Bettlaken. Besondere mühe hatte sie sich mit dem geölten Eichenholz des Bettgestells und des Nachttischs gegeben, denn obwohl Eiche ja bekanntlich als hartes Holz gilt hat sie - lediglich mit einem Kugelschreiber bewaffnet - beeindruckende Reliefs in die Holzoberfläche geritzt. Immerhin den Nachttisch konnten wir einfach umdrehen, da uns klassische Nachttische zu spießig waren, verwenden wir einen zweiseitig offenen Kubus mit einer passenden Pappschachtel darin. Vielleicht hätten wir das Prinzip „Pappschachtel“ auf die Mehrzahl der Einrichtungsgegenstände in Reichweite der Kinder anwenden sollen…
yeats77 - 7. Sep, 16:52